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kunstundkultur-online.de 4|11
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Michael Roher
Hellwach beim Träumen
Die „Buch Wien“ (10. bis 13. November) nennt sich eine „Internationale Buchmesse“. Eher aber schaut sie aus wie ein Familienfest für Lesende, ähnlich der Messe in Leipzig, nur intimer. Ein paar gut betuchte deutsche Verlage sind auch dort, ebenso angelt das anrüchige Zuschussverlagsgewerbe, gegen das die IG Autoren (A), der Verband deutscher Schriftsteller (D) und AdS (CH) gemeinsam vorgehen, an der Donau. Bundespräsident Heinz Fischer kommt vorbei. Wien macht auf Familienfest, auch die Buchmesse scheint frei vom Rummel um Personen. Wäre man in Leipzig oder Frankfurt, hieße es, mit Getöse die schönsten Bücher zu feiern. Die macht derzeit auch der Kinderbuch-Autor Michael Roher aus Baden bei Wien.
Michael Roher ist 31 Jahre alt, und bereits jetzt hat er sechs Bücher veröffentlicht, zwei weitere gehen demnächst in die Druckerei. Geboren wurde er im niederösterreichischen Scheibbs, aufgewachsen ist er in Krems, das er nach der Matura und dem Zivildienst verließ, um sich in Wien zum Sozialpädagogen ausbilden zu lassen. Seine Diplomarbeit war sein erstes Kinderbuch. Im Brotberuf arbeitet er jedoch als Zirkuspädagoge, weil er als Kinderbuch-Zeichner und -Texter unabhängig bleiben möchte von Aufträgen. Er bezeichnet sich als malenden Autodidakten, der das grafische Arbeiten mit dem Computer meidet, erzählt aber, dass er schon immer gezeichnet habe, auch Comic-Hefte, die er vervielfältigt hatte und auf dem Schulhof an seine Mitschüler verkaufte. Zwei seiner Bücher, „Die neue Omi“, eine Geschichte über ein kleines Mädchen und ihre in die Demenz abgleitende Großmutter, sowie „An Herrn Günther mit bestem Gruß“, worin drei Freundinnen einen etwas asozialen zugezogenen Herrn ins Leben ihrer Kleinstadt eingliedern, hat Rohers Freundin Elisabeth Steinkeller geschrieben (beide im Jungbrunnen Verlag). Der Sohn ist mit seinen eineinhalb Jahren noch zu klein, um als Testperson für die eigenen Bücher aufzutreten, dafür stehen seine vier wesentlich jüngeren Halbbrüder gerne bereit. Doch auch für Erwachsene sind Michael Rohers Bücher eine wundervolle Bereicherung und Freude. Gründe dafür sind Geschichten, deren Gerüste so entworfen wurden, dass sie zwar geschlossen sind, aber offen für die Phantasie des Lesenden oder Betrachtenden wirken, denn eine Ebene fügt der Zeichner gleich selber hinzu.
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Michael Roher (links) und sein Picus-Verleger Alexander Potyka. | Foto: Mannsberger |
Die Welten, die Roher erschafft, haben neben Erdung und Realitätsbezügen ihrer Geschichten ein Kind im Rollstuhl, die unter den Tisch gefallene Oma oder das schwierige Leben von Ausgegrenzten großen Witz. Es sind besondere, anrührende Menschen, die Roher zeigt, und es sind Charaktere.
Die Kunstgriffe, sie zu zeichnen, scheinen tatsächlich dem Comic entlehnt zu sein. Dabei soll nichts vereinfacht werden, die meisten Bücher sind voll von unglaublichen Details, besonders das vielfach ausgezeichnete „Fridolin Franse frisiert“. Ein großer Spaß besteht auch darin, die Zitate zu entdecken, die alle Bücher verbinden: Bilder an der Wand, Mäuse, Gesichter, kulturgeschichtliche Referenzen (etwa Christo, Hundertwasser, Munch oder Chaplin). Die Farbigkeit folgt einem Konzept, aber es bleiben Rätsel und Anmutungen. Seine oft surrealen Tableaus, besonders die in „... 6, 7, 8, Gute Nacht“ (Luftschacht Verlag), erinnern an Bühnenbilder Robert Wilsons, die er nicht kennt, allerdings sind Rohers Arbeiten frei von dessen Mechanik, und sie zielen nicht auf Dekoration. Dafür ist er zu zurückhaltend. Oder um in seinem Berufsfeld zu bleiben: Kein Dompteur, sondern ein subtiler zaubernder Spaßmacher.
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Der Verleger und sein Autor
Gutes Buch, wie geht‘s?
Seit 1984 verlegen Dorothea Löcker und Alexander Potyka im Wiener Picus Verlag Architektur- und Kinderbücher. Später kamen kenntnisreiche Reiseberichte, Reportagen, belletristische Titel, Essays, Zeitgeschichtliches, auch eine Reihe von Vorlesungen dazu. Von den bald 1.000 herausgegebenen Büchern ist fast jedes zehnte ausgezeichnet worden. So auch „Fridolin Franse frisiert“, mit dem der Verlag abermals sein Gespür für sensible Kinderbücher bewiesen hat. Wir baten den Verleger und den Autor um ihre Einschätzung, was ein gutes Kinderbuch auszeichnen würde, und gaben Stichpunkte zu Relevanz und Nichtrelevanz:
Komplexheit einer Geschichte, was Text und Bildwelt angeht?
ALEXANDER POTYKA: Nein, das ist ja kein Wert an sich. Wenn Komplexheit notwendig ist für die Geschichte, dann: ja. An sich braucht es keine Komplexheit.
MICHAEL ROHER: Ich meine auch: Nein. Eher das Gegenteil. Sicherlich gibt es Themen, die sehr komplex sind, es kann aber ein besonders gelungenes Buch sein, wenn komplexe Themen sehr einfach herüberkommen.
Beschäftigungs- bzw. Lesedauer?
POTYKA: Beschäftigungsdauer, ja. Noch entscheidender ist bei den Bilderbüchern die Wiederverwendung. Ein gutes Bilderbuch wird immer, immer und immer wieder angesehen.
K+K: Gemeint ist mit meiner Frage nach der Lesedauer natürlich auch, dass so ein Buch „mitwächst“, also noch nach Jahren interessant bleibt, indem neue Zusammenhänge, Details oder inhaltliche Aspekte entdeckt werden können.
POTYKA: Ich meine, dass ein dreijähriges Kind unter den Büchern, die es mag, welche bevorzugt. Kinder brauchen ja die Wiederholung, das Spiel mit dem Bekannten. Wenn ich „Fridolin Franse“ ansehe, dann würde ich als Kind bestimmt Jahre brauchen, um alles gesehen zu haben.
ROHER: Da stimme ich ganz zu.
Beflügelt Phantasie und setzt sie frei?
ROHER: Nicht in jedem Fall. Es ist ein wichtiges Ziel, das ein Buch verfolgen kann. Es gibt daneben Geschichten, die helfen, die Welt ein bisschen besser zu begreifen. Auch solche Bücher können Qualität haben. Wenn ich mir mit meinem Sohn ein Buch ansehe, dann sind zunächst Wiedererkennungswerte mit den realen Gegenständen sehr wichtig.
POTYKA: Ja, unbedingt, in jeder Art von Buch. Wenn wir uns darauf einigen, was wir darunter verstehen: Kein Buch sollte ohne Witz sein, und Witz bedeutet Überraschung und Verblüffung. Das produziert Nachdenken im weitesten Sinn, dass etwas anders besehen oder erfasst wird. Das sollten jedoch alle Bücher: die Phantasie beflügeln, vielleicht nicht die medizinischen Ratgeber.
Damit sind wir bei: Gefühlen.
POTYKA: Es soll Gefühle ansprechen, nicht nur rational funktionieren.
ROHER: Das ist ein ganz wichtiges Kriterium. Ich meine, Gefühle wirken weiter und Geschichten gefallen Kindern vorwiegend aus dem Bauch heraus. Bilder und Sprache wirken unbewusst auf die Gefühle. Auch darum ziehen Kinder immer wieder ein Buch heraus, weil sie es mit Gefühlen verbinden.
Konflikte sind zugelassen?
POTYKA: Ja, selbstverständlich. Es gibt da zwei ideologische Positionen: Eine didaktische Anschauung, die verlangt von Kinderbüchern, dass sie Dinge kompakt und abschließend behandeln. Das Buch soll helfen, einen Weg zu finden. Ich meine hingegen, darin besteht die Hilfe, dass es Bücher gibt, die Konflikte zeigen. Auch ein kleines Kind besitzt eine Ebene der Mündigkeit. Mündigkeit gestattet, dass Konflikte unaufgelöst bleiben. Unser Leben besteht ja aus solchen unauflösbaren Konflikten oder es muss gezeigt werden, dass sie existieren.
ROHER: Schwierig. Ich meine, es ist gut, wenn Konflikte in einem Buch bearbeitet werden. Viele Bücher, die das tun, würde ich als gut bezeichnen.
POTYKA: Ich muss noch ergänzen: Bücher emanzipieren oder sie sollten es tun. Gute machen das nebenbei. Ein Buch ist ein Kunstprodukt, wenn es auf Konflikte abzielt, interessiert es mich nicht mehr. Die Form ist Kunst, ist Kreativität, das andere kann mit drin sein, ist aber nicht zwingend.
ROHER: Ich kann mich dem anschließen, es ist immer eine Frage des Wie. Wenn die Geschichte mit dem moralischen Zeigefinger kommt und die Lösungen wie ein Kochrezept gleich mitserviert, wirkt das für mich meistens belehrend und platt. Der Bogen lässt sich auch mit Humor kriegen. Das ist dann eher mein Geschmack.
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Beim „Club der toten Dichter“
Schön wie ein Panther, ganz ohne Käfig
Katharina Franck und Reinhardt Repke: Warum sich der österreichische Dichter Rilke ganz heutig anhört
2005 gründete der Komponist, Gitarrist und Sänger Reinhardt Repke zusammen mit Musikerkollegen den „Club der toten Dichter“. Das dritte Programm ist Rainer Maria Rilke gewidmet. Hierzu holte er Katharina Franck (Ex-Rainbird) in die Band. Katharina Franck, 1963 in Düsseldorf geboren, lebt wie Repke in Berlin.
KUNST+KULTUR: Zuerst Heine, Busch und nun Rainer Maria Rilke im „Club der toten Dichter“: Unterschiedlicher kann dieses Club-Projekt kaum sein. Wer ist für die Ankunft der toten Dichter im Jetzt verantwortlich?
REINHARDT REPKE: Mir fällt das irgendwie vor die Füße.
K+K: Die Versammlung ist doch aber eher ungewöhnlich?
REPKE: Das spielt keine Rolle. Wenn ich einen Dichter für mich entdeckt habe, ziehe ich das durch. Es gibt natürlich Initiationserlebnisse. Bei Rilke fragte meine verehrte Frau Mutter, die meine Arbeit bis in ihre 80er Jahre verfolgt hat, mit ihrer damals schon leichten Demenz: Weiß´te schon, wer der nächste Dichter ist? Ich sagte: Ne. Sie: Ich würde Rilke nehmen. Als braver Sohn habe ich mich also mit Rilke beschäftigt. Dann fand ich noch auf einem Internet-Portal so eine Art Rilke-Charts und den „Panther“ auf Platz 1, las mich Wochen und Monate durch die Gesamtausgabe, fing mit der Gitarre an, zu dem einen oder anderen Text zu spielen, und dann habe ich angefangen, Demoaufnahmen davon zu machen, wie das mit einer Band klingen würde ...
K+K: Haben Sie ein eigenes Studio?
REPKE: Zu Hause ´ne Ecke, in der ich gut arbeiten kann. So entstehen dann etwa 30 Songs für ein Programm. Dabei ging mir bereits Katharina durch den Kopf, weil ich das Gefühl hatte: Das muss eine Frau singen, sie!
K+K: Und wie kamen Sie zu Rilke, Frau Franck?
KATHARINA FRANCK: Ich war in Portugal, als Maxs (gemeint ist Reinhardt R.) mir am Telefon vorschlug, Rilke zu singen. Ich guckte mich erst mal um: Wer ist der „Club der toten Dichter“? Ich kannte Maxs nicht, aber Tim Lorenz, mit dem ich fünf Jahre bei „Rainbirds“ zusammengearbeitet hatte, trommelte eben schon beim vorherigen Dichter für ihn, und das war eine gute Referenz. Außerdem hatte er einen klaren Ablaufplan, auch hinsichtlich der geschäftlichen Belange, so dass ich nur noch überlegen musste: Wie klingt das, wenn ich das singe und spiele, wie fühlt sich das an, und habe ich Lust, die nächsten zwei Jahre mit diesen Leuten zusammen zu arbeiten. Natürlich weiß man das nicht von Anfang an, aber es ist besser noch als gut gegangen. Ja, wenn alles so stimmt wie in diesem Projekt, dann ist das etwas ganz Besonderes.
K+K: Gilt gleiches auch für die künstlerische Arbeit?
FRANCK: Darum geht es in erster Linie. Ich bin Autodidaktin, und trotz der vielen Jahre, die ich jetzt schon Musik mache, hab ich für das Theoretische keine Speicherplätze frei, und meine Art über Musik zu reden, ist eher bildhaft. Deswegen ist es natürlich wichtig, dass diese Sprache von den Kollegen auch verstanden wird.
REPKE: Auch ich kann keine Noten lesen. Ich finde es immer erstaulich, was z. B. die Pianisten theoretisch alles wissen. Aber um nochmal auf die Stimmung zwischen uns zurück zu kommen, die Katharina angesprochen hat: Ich will mich nicht verbiegen, ich will mich freuen, wenn ich nach 54 Konzerten in den Bus zu den anderen steige und zum 55. Konzert fahre, und das geht nur, wenn man aus seiner Sache eine gemeinsame Sache machen kann.
K+K: Was lesen Sie eigentlich, wenn Sie nicht im Bus sitzen und zu Konzerten fahren? Ich will jetzt natürlich nach dem nächsten toten Dichter fragen.
REPKE: Darauf antworte ich erst, wenn ich 14 Gedichte vertont habe, erst dann gehe ich ins Büro und sag: So, das hier ist der nächste. Ich lese, o Schande, ganz wenig.
FRANCK: Ich lese ganz viel: W. G. Sebald habe ich zum Beispiel erst dieses Jahr entdeckt, aber auch eine junge Autorin aus Hamburg namens Tina Uebel. Gerade bin ich fertig geworden mit einem bösen dänischen Krimi, den ich auf Englisch gelesen habe. Und jetzt lese ich „Unter dem Vulkan“ von Malcolm Lowry zum zweiten Mal. Aus dem Buch stammt eine Textzeile eines Songs vom 4. Rainbirds-Album, das 1993 erschienen ist: „Todos Contentos Y Yo También“. Auch wenn das keine direkte Vertonung ist, irgendwo taucht das Gelesene immer wieder auf.
K+K: Sitzen die toten Dichter eigentlich mit am Clubtisch, damit ihre Texte Gerechtigkeit erfahren?
REPKE: Es ist wie in einer Ausstellung, in der mich ein Bild besonders anspricht. Ich will erst einmal gar nichts über die Biografie des Künstlers wissen, und so war das auch bei Rilke. Ich wollte nicht durch seine Lebensumstände belastet werden. Ich wurde wie ein Kind von seinen Texten überrascht: Es gibt da Zeilen, die einen treffen. Das ist ein ganz reiner Eindruck, den ich mir so lange wie möglich erhalte. Der Dichter ist von da an immer dabei.
K+K: Benutzen Sie Interpretationshilfen?
REPKE: Nein, um Gottes Willen! Das wird einem doch schon in der Schule vergällt! Von uns werden die Leute eher animiert, weiter zu lesen. Später kommt vielleicht eine zweite und eine dritte Ebene dazu: Wann Rilke nach Paris ging, warum er dort den „Panther“ schrieb, usw. Der reine erste Eindruck, ob nun bei meinem Einstieg in die Arbeit, oder später bei unserem Publikum, besitzt eine Leichtigkeit. Dann kommt der Moment, in dem der Dichter fragt: Na, meinst Du es wirklich ernst? Irgendwann öffnen sich kleine Türchen, und ich gehe langsam rein in den Raum, den mir der Dichter lässt, ich nehme die Gitarre und singe. Es gibt dann irgendwann einen Punkt, wo sich ein großes Tor öffnet, und dann weiß ich: Das ist der neue Dichter!
K+K: Man kann sich dabei verrennen. Haben Sie das schon mal gespürt?
REPKE: Weil man sich angreifbar macht?
K+K: Ja. Es ist eine enorme Spannung möglich: Von der Nachzeichnung oder Verdoppelung des Textes oder man unterläuft die Latte, weil das Gedicht einfach zu hoch liegt bis hin zum völligen musikalischen Fehlgriff, wenn dem Text Schaden angetan wird. Ich will hinaus auf die musikwissenschaftliche Trennung zwischen Volks- und Kunstlied. Was Sie machen, wird anhand der Texte Kunstlied bleiben. Haben Sie über diese Trennung schon einmal nachgedacht?
REPKE: Ich versuche, darüber nicht nachzudenken, weil es meine Intuition stört. Günter Kunert hat mal über die Notwendigkeit des Künstlers als Egoist geschrieben: Ich, ich, ich. Ich kann das, was ich mache, erstmal nur schön finden und herrlich. Und das geht ja nur, wenn einen die Texte etwas angehen. Aber das ich es bin, der etwas mit den Texten anstellt, das bleibt bestehen, und ich vertraue da schlicht meinem Gespür für die Sprache und für die Musik.
FRANCK: Ich habe oft Schwierigkeiten, deutsch gesungene Texte zu verstehen, und darauf habe ich sehr geachtet bei den Demoaufnahmen, die Maxs mir vorbeigebracht hat: wie hat er die Worte in seinen Melodien untergebracht, macht das Sinn, geht es mit dem Sprachfluss? Und natürlich auch die Frage, die man sich immer stellen muss: „Was hat das mit mir zu tun?“ Ich schreibe ganz andere Songs und spiele auch anders Gitarre, aber nicht zuletzt durch diese schöne, offene und respektvolle Zusammenarbeit habe ich mir die Songs von Maxs mit Rilkes Texten völlig angeeignet.
K+K: Noch mal zurück zu der Frage Volkslied oder Kunstlied: Wie würden Sie es denn nennen, was Sie da machen. Vorhin haben Sie von „Songs“ gesprochen. War das eine leichtfertige Deklaration?
REPKE: Ein Journalist hat mal geschrieben, es sei zum Glück kein gut gemeinter Liederabend, was wir da machen. Für mich sind Gedichte Song-Texte, ich mache die Musik dazu. Trotz meines kindlichen Zugangs ich breche den ja nicht, den Rilke. Nein, nicht „trotz“, sondern gerade deswegen! Und Kunst ist Arbeit, sagen z. B. unsere Grafiker immer. Und das stimmt, man muss sich hinsetzen und machen und immer wieder machen.
FRANCK: Als ich mich entschieden habe, Rilke zu singen, geschah das mit der Haltung, ihm nicht noch etwas hinzuzufügen. Ich muss mich ja auch als Sängerin nicht profilieren, und Rilkes Texte kommen ohne zusätzliche Bilder aus, ohne Überhöhung oder Vertiefung. Etwa „Aus einer Kindheit“, es ist unfassbar klar, wie er das Zimmer, die Frau und das Kind beschreibt. Man kann den Staub im schmalen Licht tänzeln sehen, ich sehe das Kind vor mir, das seine Mutter so anders wahrnimmt, während sie Klavier spielt, das vielleicht fühlt, was die Mutter fühlt, ohne es zu verstehen. Ich kann mich da sehr gut hineinversetzen.
K+K: Rilke hat demnach für Sie eine heutige Sprache?
Franck: Ja.
REPKE: Viele im Publikum sind überrascht, wie heutig er klingt. Und schon die ersten Musiker, die sich meine Demos angehört haben, haben so reagiert: „Das soll an die 100 Jahre alt sein?“
K+K: Es ist erschreckend, das solche Experimente nicht öfter zu hören sind, sondern die Beliebtheitsskala des Blödsinns sich offenbar im Radio selbst reproduziert.
REPKE: Manche habe bestimmt eine gewisse Ehrfurcht, so etwas anzugehen. Ich kann nur für mich sprechen: Es gibt einen ungeheuren Drang in mir, das zu tun und eine Freude daran. Ich weiß nicht, ob es so etwas wie eine Renaissance des Liedes gibt. Ist mir, ehrlich gesagt, auch egal. Mir ist wichtig, dass mir in musikalischer Hinsicht etwas einfällt. Doch ich war jüngst in der Lyrik-Abteilung eines großen Kultur-Kaufhauses und sah auffallend viele junge Leute dort. Vielleicht ist längst etwas Gegenläufiges im Gange zu all dem Mainstream. | Das Gespräch führte Burkhard Baltzer
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